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So viele Arznei-Fakes wie noch nie

Potenzmittel statt Kaffee, unverzollte Analgetika, illegale Krebsmittel – 54.895 gefälschte Arzneien griffen Zollfahnder im Vorjahr auf. Ein neuer Höchststand, wie der aktuelle Produktpirateriebericht zeigt. (Pharmaceutical Tribune 08/2018)

Im Sortiment der Arzneipiraten stehen nach wie vor Potenzpillen ganz oben, aber auch Schmerz- und Schlafmittel werden gefälscht.

Die Geschäfte der Fälscher florieren, der österreichische Zoll hat alle Hände voll zu tun. Im Vorjahr beschlagnahmten die Grenzbehörden bei 1.665 Aufgriffen 245.712 gefälschte Produkte im Wert von mehr als 13,7 Millionen Euro – gemessen am Preis der Originale. Das ist ein Plus um 264 Prozent, obwohl die Anzahl der Aufgriffe zurückgegangen ist (2016: 1.947 Fälle bzw. Sendungen mit 67.535 Plagiaten). Heilig ist den Dieben des geistigen Eigentums nichts, wie aus dem aktuellen Produktpirateriebericht des Finanzministeriums, der jährlich dem Nationalrat übermittelt wird, hervorgeht. Gefälscht wird, was das Zeug hält: von Taschen, Schmuck, Uhren über Spielzeug, Reifen, Batterien bis hin zu Pestiziden, Wein, Kosmetika – und Arzneimitteln.

So gut wie alles aus Indien

Letztere stellen die „gefährlichste Form der Produktpiraterie“ dar, warnte FP-Finanzstaatssekretär DDr. Hubert Fuchs bei der Präsentation des Berichts. Der Jurist und Betriebswirt zeigte sich daher zufrieden, dass der Zoll im Vorjahr bei 1.018 Aufgriffen (das sind 60 Prozent aller Aufgriffe) 54.895 Medikamentenplagiate im Wert von rund einer Million Euro aus dem Verkehr ziehen konnte. Ein neuer Rekordwert in Folge. Schon 2016 wurde mit 53.389 Arznei-Fakes der bisherige Höchststand aus dem Jahr 2007 (42.386 Arzneiplagiate) deutlich übertrumpft. Bei den Ursprungsländern sticht Indien besonders hervor: 99,48 Prozent (!) der gefälschten Arzneimittel stammen von diesem Subkontinent. Die restlichen Zehntel sind entweder aus Singapur oder von unbekannter Herkunft. Nach wie vor stehen Potenzmittel im Sortiment der Arzneipiraten an der Spitze. Aber auch Schmerzmittel und Ähnliches werden gefälscht.

Der kriminellen Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt, wie einige spektakuläre Schmuggelfälle aus dem Vorjahr zeigen:

  • Im Dezember öffnete der Zoll nach einem auffälligen Röntgenbild den Koffer eines Reisenden aus Kairo: Tatsächlich fanden sie in Kaffeepackungen nicht Pulver oder Bohnen, sondern 6.720 Potenzpillen.
  • Im August beschlagnahmten die Zöllner in Kooperation mit der AGES und dem Bundeskriminalamt mehr als 1.600 Packungen eines in Österreich nicht zugelassenen Krebsmedikaments im Wert von 750.000 Euro.
  • Im April entdeckte das Zollamt Eisenstadt Flughafen Wien bei einer Kontrolle einer als Nahrungsergänzungsmittel deklarierten Sendung 23.712 Stück Potenzmittel, vermutlich nicht gefälscht, jedoch illegal.
  • Anfang Februar hatte ein aus Delhi via Istanbul Reisender 43.200 Stück eines suchtgifthältigen Schmerzmittels im Gepäck – ohne Zollanmeldung.

„Fulfillment Center“ genutzt

Die Vertriebswege ändern sich laufend. Die Fälscher werben etwa auf Online-Portalen mit Lieferungen aus Deutschland, um die wahre Herkunft der Produkte zu verschleiern. Dafür nutzen sie sogenannte Fulfillment Center. Über solche Logistikdienstleister wurden rund 43 Prozent aller im Vorjahr aufgegriffenen Arzneiplagiate abgewickelt. Doch seit Mitte 2017 verwenden die Arzneipiraten diesen Vertriebsweg kaum mehr, dank erfolgreicher Zusammenarbeit österreichischer mit deutschen Zollbehörden. „Hier zeigt sich deutlich, wie die Fälscher auf behördliche Maßnahmen reagieren“, sagt dazu Gerhard Marosi, Produktpiraterie-Experte im Finanzministerium. Gehen in Europa die Vertriebsmöglichkeiten zurück, steigen die Postlieferungen aus Fernost an. Deshalb sei der anhaltende, konsequente Kampf gegen Arzneimittelfälschungen umso wichtiger.

Der beste Weg, sich vor Fälschungen zu schützen, sei der legale Vertriebsweg über Apotheken, der künftig noch sicherer werde, nutzte Dr. Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig, die Gelegenheit, auf die „Fälschungsrichtlinie“ aufmerksam zu machen: „Die Industrie arbeitet mit Hochdruck daran, bis Februar 2019 die Vorgaben der EU-Richtlinie umzusetzen.“ Jedes rezeptpflichtige Medikament im Spital, von Hausapotheken oder öffentlichen Apotheken werde neue Sicherheitsmerkmale aufweisen. Die Pharmaindustrie investiere dabei mehrere hundert Millionen Euro in ein neues Datenspeicher- und Datenabrufsystem sowie Milliardenbeträge in die Umstellung von Produktionsanlagen. Für Online-Bestellungen rezeptfreier Arzneimittel (nur solche sind in Österreich erlaubt) verweist er auf die vom Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) registrierten und geprüften Versandapotheken.*

*Liste auf www.basg.gv.at/inspektionen/versandapotheken

Schaden für Gesundheit, Wirtschaft und Etat

„Der Handel mit gefälschten und illegalen Arzneimitteln hat 2017 einen neuen besorgniserregenden Höchststand erreicht“, betont Finanzstaatssekretär DDr. Hubert Fuchs gegenüber Pharmaceutical Tribune, „der Endkunde kann bei der Online- Bestellung kaum feststellen, ob es sich um eines der wenigen seriösen Versandangebote mit Originalmedikamenten handelt oder nicht. Daher empfehlen wir, auf ärztliche Beratung und Qualitätsprodukte aus der Apotheke zu setzen. Der eigenen Gesundheit zuliebe.“ Auch der finanzielle Schaden ist enorm, nicht nur für die Branche. Durch gefälschte Arzneien entgehen den EU-Staaten laut einer Studie des Amts der EU für geistiges Eigentum (EUIPO) 1,7 Mrd. Euro an Sozialabgaben und Steuern – jährlich.

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